*TRIGGERWARNUNG*

Viele, wenn nicht sogar alle Posts auf diesem Blog könnten triggernd sein also seid vorsichtig beim lesen. Hier geht es hauptsächlich um mein Leben, meine Erfahrungen und wie ich.. überlebe, mit dem was von mir übrig geblieben ist.

Montag, 1. Februar 2016

Splitterfasernackt

"Der erste Mann, mit dem ich Sex habe, riecht nach Alkohol und kaltem Zigarettenrauch. Seine Hände sind rauh und klebrig, seine Haare ungepflegt, und von seinem Atem wird mir zuerst schlecht, dann schwindlig.
Er wirft mich auf ein Sofa mit altmodischem Blumenmuster und hält mich mit seiner einen Hand fest, während die andere an seinem Gürtel herumfummelt. Ich weine. Ich sage irgendwelche bittenden Worte, ich stammle zusammenhanglose Sätze, ich flehe ihn an, ich flüstere nein, nein. Nein.
Meine Stimme fühlt sich fremd an, sie stolpert über meine viel zu trockenen Lippen. Ich versuche sie zu halten, denn wenn ich sie verliere, dann verliere ich auch mich. (...)
Ich starre die gelbweiße Zimmerdecke an. Sie kommt mir blenden grell vor. Meine Arme liegen schlaff neben mir, ich will sie bewegen, aber sie gehorchen mir nicht mehr. Mein Kopf ist leer und voll von Rauschen. Ich erzähle mir eine Geschichte, die ein schönes Ende hat, aber ich höre kaum zu.
'Komm', wispert mir da eine leise Stimme ind Ohr; die Stimme gehört mir, aber ich erkenne sie nicht.
'Komm', flüstert sie, 'ich bringe dich weg von hier, vertrau mir.' (...)
Schweigend nehme ich ihre Hand an und lasse mich fortführen. Weg von dem Sofa, weg von dem Mann, weg von meinem Körper. In der hintersten Zimmerecke bleibt das kleine Mädchen schließlich stehen, seine kalte Berührung umschließt mein wimmerndes Herz.
'Weiter weg können wir nicht gehen', flüstert es kaum hörbar. Ich drehe mich um und blicke auf meine hilflose Hülle. Ich sehe in meine leeren Augen, betrachte die bleichen dünnen Beine, die merkwürdig verkrümmt zur Seite ragen. Ich nehme Abschied von dem geschädigten Körper. Er gehört nicht mehr mir. Die Trennung ist leicht, alles andere wäre schwerer.
'Mach die Augen zu', flüstert da die Stimme. 'Mach sie erst wieder auf, wenn ich es dir erlaube.'
Ich gehorche ihr. Keine Sekunde wage ich zu zögern. Ich blende ihn aus, meinen Körper, das tote Stück Fleisch; ich lasse ihn allein, ich lasse ihn zurück. Ich gebe ihn auf." 
(Ausschnitt aus dem Buch Splitterfasernackt von Lilly Lindner, S.15f)
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Manchmal wünsch ich mir, ich könnte mich erinnern. Irgendwo in mir schimmert ein kleiner Funke Hoffnung, der daran glaubt, dass mir dann alles leichter fallen würde. Die Konstante die mir hier in der Realität jedoch bleibt, ist das fallen. Ich falle hin und ich falle in Abgründe nur um danach immer weiter zu fallen. Ich weiß nicht mehr wo oben und wo unten ist, es ist alles bloß noch ein riesiges Chaos und ich steck mittendrin.
Wieso hat mein kleines Ich nichts gesagt oder getan um diesen Schmerz den ich jetzt aushalten muss zu verhindern? Das kleine Mädchen trägt immer noch das gelbe Mulan Nachthemd. Sie geistert in dunkeln Gängen meines Kopfes umher und spielt manchmal mit den Lichtschaltern, sodass das Grauen mir vor Augen geführt wird. Vielleicht fragt sie sich, weshalb ich sie all die Jahre allein mit dem Schmerz gelassen habe. Und jetzt will sie mich einholen und auch endlich groß werden, doch sie versteht nicht, dass das Leben so nicht funktioniert.
Es hilft nicht mehr von Mama abends beim Zubettgehen fest in seine Decken eingewickelt werden, um Nachts von niemandem verletzt zu werden. Es hilft keine Decke mehr, in die meine Mama damals gute Träume für mich hineingenäht hat. Es hilft nicht mehr, sich dreimal im Kreis zu drehen und an schöne Dinge zu denken um den Albträumen zu entfliehen die einen mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen haben. Denn sie haben mich eingeholt und es gibt rein gar nichts was sie jemals beenden könnte.
Flankiert von meinen Schatten wander ich wie eine Leiche durch dieses Leben, obwohl ich mich am liebsten aus diesem Körper herausreißen würde um schreiend davonzulaufen und niemals zurückblicken zu müssen. Doch die Vergangenheit ist überall. Damals, im hier und jetzt und in der Zukunft. Sie hüllt mich ein und ich ersticke dran. Die Zeit hat nichts in mir geheilt, das einzige was sie tut, ist meine Wunden immer weiter aufzureißen, bis ich endlich dran verende.

2 Kommentare:

  1. Mein kleines Kind in mir und dein kleines Kind in dir sollten sich mal treffen und in Decken eingekuschelt ein warmen Kakao trinken ohne an die Vergangenheit, Gegenwart und an die Zukunft zu denken. Sie sollten einfach nur den Moment leben und sich sichern fühlen.
    Und genau das sollten wir beide auch mal machen. Einfach so, du hast nur das schönste verdient.

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  2. Danke für deine Antworten, die waren echt schön und gut überlegt. Es ist schmerzhaft, aber du lebst. Und irgendwann ist es vielleicht nicht mehr schmerzhaft, zu leben.
    Ich hab ein paar Hobbys. Ich tanze. Ich schreibe. Ich male. Ich gehe laufen. Ich fotografiere. Ich koche und backe eigentlich ganz gerne, wenn das Essen nur nicht so schwierig wäre.

    Ich möchte dein Kleines Ich an die Hand nehmen, dorthin, wo es keinen Schmerz und keine Angst gibt und dann werden unsere Kleinen miteinander spielen. Auf einer Blumenwiese.
    Du wirst nicht daran verenden. Du bist unglaublich stark.

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